Mal richtig schön Blau machen – Die Cyanotypie

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Mitte des 18. Jahrhunderts war die Fotografie ein gefährlicher Beruf. Es wurden giftige Dämpfe verwendet um die Bilder herzustellen. Bis zur Erfindung der Kodak (“You press the button, we do the rest”) sollte es noch über 30 Jahre dauern. Außerdem war das Herstellen einer Fotografie sehr kostspielig. Es ist nicht verwunderlich das fast nur Fotografien der Oberschicht existieren. Einige wenige Jungfotografen haben auch die Arbeiterklasse fotografiert (das war zu dieser Zeit sehr radikal ;) ). Fotografien wurden direkt auf Silberplatte oder mit Silbernitrat hergestellt. Silber hat neben dem glänzenden Aussehen auch die Eigenschaft teuer zu sein. So machte sich 1842 der Astronom und Naturwissenschaftler  Sir John Herschel daran eine alternative Methode zu entwickeln. Die günstiger und nicht giftig war.

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Er verwendete eine Mischung die unter UV-Licht wasserunlösliche Eisensalzkristalle bildete. So konnten die unbelichteten Teile des Bildes mit Wasser ausgespült werden. Die Methode wurde nach der Farbe die Sie zum Vorschein bringt benannt: Die Cyanotypie. Anna Atkins (die erste Fotografin der Geschichte) hat mit diesem Verfahren ein komplettes Buch erstellt. Es handelt oder besser beinhaltet Abbildungen von Algen die in England vorkommen. Das Buch oder Teile davon existieren heute noch. Übrigens wird das Verfahren gerne mit der Blaupause verwechselt. Aufgrund der Farbe verständlich aber die Blaupause (engl. Blueprint) heißt Diazotypie ist ein trockenes Verfahren und komplett anders als die Cyanotypie. Dieser Druck ist übrigens auch der einfachste der Edeldruckverfahren. Also gibt es noch eine Menge auszuprobieren.

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Soweit zur Herkunft, aber da hier nicht der History-Channel ist und Wikipedia sicherlich mehr Lesestoff zum Thema bietet, kommt hier jetzt ein kurzer Praxistest. Das schöne an der Cyanotypie ist, das man Sie mit relativ geringem Aufwand zuhause durchführen kann. Die verwendeten Substanzen sind zwar nicht hochgiftig aber färben stark und können im Zusammenspiel mit andren Chemikalien reagieren. Also sollte jeder sich darüber im klaren sein, das wir hier nicht über Batiken für Grundschüler reden und eine gewisse Laboretikette angebracht ist. Natürlich alles auf eigene Gefahr…

Was braucht man nun um eine Studie in Blau anzufertigen ?

Material:

- genaue Mensur (so ein Messbecherteil für kleine Einheiten)
- min. 2 Gefäße für die Mischungen
- Feinwaage
- Glasplatte (Bilderrahmen oder Kontaktrahmen)
- Gutes Wetter (alternativ einen Gesichtsbräuner oder ein Kontaktkopiergerät)
- Pinsel oder Schwämme
- 2 Schalen zum Wässern und färben

Verbrauchsmaterial:

- 100 g Ammoniumeisen(III)-Citrat
- 40 g Kaliumferricyanid (“Rotes Blutlaugensalz”)
- destilliertes Wasser
- Wasserstoffperoxyd 3% Lösung
- Tintenstrahl oder Laser Overheadfolie
- Aquarellpapier mit mindestens 200g

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Alle verwendeten Teile sollten sich im Keller oder im Baumarkt finden lassen. Die Chemikalien kann man Online z.B. bei OMIKRON bekommen. Die Mengen beziehen sich auf 1 Liter Gebrauchslösung. Wenn man nun alles beisammen hat kann es losgehen. Die Lösungen sind nicht wirklich lange haltbar ohne die Zugabe von weiteren Chemikalien. Ich mische immer eine kleine Menge an die ich dann direkt auf Papier auftrage, das ich am Folgetag verarbeite. Man kann z.b. 12,5 g Ammoniumeisen und 8g Kaliumferricyanid mit jeweils 25 ml destilliertem Wasser mischen. Mit den dann entstehenden 50 ml Lichtempfindlicher Lösung kann man einige Bögen beschichten.

Also die Mischungen werden wie folgt angesetzt:
Lösung A: 25g + 100ml
Lösung B: 16 + 100 ml
Gebrauchslösung: Lösung A + Lösung B 1:1

Bis zum 1:1 mischen der Teillösungen kann alles bei Tageslicht geschehen. Sobald die Gebrauchslösung hegestellt wird, sollte man bei max. 25w Glühlampenlicht arbeiten. Das Licht in meinem ‘Dunkelkeller’ ist z.B. zu hell und man bekommt einen Schleier auf das Papier. Die Gebrauchslösung hält ein paar Tage, danach bildet sich Schimmel.

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Beim Auftragen mit dem Pinsel kann man seiner Kreativität freien lauf lassen. Auch Schwämme, Roller und vieles anderes geht. Man kann entweder einen sauberen Rahmen ziehen oder bewusst kanten und Verläufe erzeugen. Man muss sich nur im klaren sein welche Teile vom Negativ überdeckt werden.

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Das beschichtete Papier sollte nun einige Stunden ruhen und trocknen. Ganz ungeduldige können mit einem Fön nachhelfen. Allerdings sollte man hierbei auf Belüftung achten, denn die Chemikalien werden nun erwärmt und verteilen sich im Raum. Jetzt kann die Wasserstoffperoxydlösung stark verdünnt werden. Man sollte auf ca. 0,1% kommen. Ich habe zu 100ml der 3% Lösung aus der Apotheke nochmal 1 Liter destilliertes Wasser gegeben.

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In der Zwischenzeit können wir uns der Erstellung eines geeigneten Negatives widmen. Das Bild sollte von sich aus schon über einen gewissen Kontrast verfügen. Die Cyanotypie bildet nur einen geringeren Tonwertumfang ab als es ein Foto macht. Ich habe hier eine schöne Aufnahme von 2 ganz aufgeweckten Hunden (Pauli und Kasper). Das Bild wird invertiert und Gespiegelt. So ist die bedruckte Seite dichter am Papier beim belichten (so wird der Abzug schärfer). Zusätzlich passe ich die Gradationskurve ein wenig an, so dass ich im Bild die dunklen Bereiche noch dunkler bekomme. Das anpassen muss für jedes Negativ gemacht werden und erfordert ein wenig Übung und bestimmt neben dem Papier auch wie hart oder weich der Druck wird.

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Das Negativ wird nun mit einem 0815 Bürolaser oder Tintenstrahler ausgedruckt. Da das Verfahren nur wenige Abstufungen darstellen kann, erreicht man durch das Dithering eines Laserdruckers andere Bilder als durch die Mischung eines Tintenstrahlers. Alles eine Frage des Geschmacks.

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Das Negativ wird auf das mittlerweile getrocknete Papier gelegt und mit einer Glasplatte beschwert. Alternativ kann man auch einen Bilderrahmen oder einen ‘echten’ Kopierrahmen verwenden.

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Bei Sonnenschein kann das Bild nun je nach UV Intensität bis zu 15 Minuten im Freien belichtet werden. Mit ein wenig Übung kann man erkennen wann der Druck fertig ist. Ein guter Anhaltspunkt ist die Farbe der Beschichtung an den durchsichtigen Stellen des Negatives. Da ich im Keller aber keine Sonne habe kommt bei mir der 5€ Gesichtsbräuner von Ebay Kleinanzeigen zum Zuge. Wer hat bitteschön behauptet das Kellerkinder immer blass sind. Je nach Abstand dauert die Belichtung zwischen 10 und 60 Minuten. Nach ca. 5 Minuten hat man einen schönen Ghetto-Toaster-Geruch in der Luft, da würde sogar Chantalle eifersüchtig werden.

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Wenn das Bild fertig Belichtet ist, kann man auf dem Papier schon recht gut etwas erkennen. Nun wird das Papier für ca. 10 Minuten gewässert. Es muss solange im Wasser sein bis sich nichts mehr auswäscht.

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Nun kann das Bild kurz in der 0.1% Wasserstoffperoxylösung gebadet werden. Die Farben ändern sich schlagartig in ein kräftiges Berliner Blau. Dann nochmal kurz abspülen und FERTIG. Ich persönlich finde das Zusammenspiel zwischen Digital und Analog in diesem Zusammenhang faszinieren. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten die Medien miteinander zu verbinden. Außerdem ist jedes Bild einzigartig und somit ein echtes Unikat, das per Hand hergestellt wurde.

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Das einzige was jetzt noch passieren muss ist das trocknen des Papiers. Da hat jeder seine eigene Technik. Ich lasse das Papier erst für 2 Stunden auf einer glatten Fläche antrocknen und beschwere es dann für ca. 24 Stunden mit einer Platte. Das fertige Bild wird durch viele Faktoren beeinflusst, das Papier ist ein großer Faktor. Je hochwertiger das Papier ist, desto bessere Ergebnisse werden erzielt. Wenn sich die Mischung beim Auftragen schon verfärbt ist dem Papier sehr viel Chemie beigemischt und die Ergebnisse sind nicht besonders gut. Man kann bei Papieren die die Lösung nicht gut aufnehmen auch mit destilliertem Wasser vor wässern. Da das Papier mehrmals in Wasser gebadet wird sollte man Aquarellpapier verwenden. Anderes Papier wird schneller reißen und nicht sauber trocknen.

Man kann neben Papier auch Stoffe oder Holz beschichten und dann belichten. Wenn man die Lösung mit Gelatine mischt, kann man sogar Glas und Metall beschichten. Ein Photo ist auch nichts anderen als ein Gelantine-Silber beschichtetes Papier ;) Natürlich eignet sich der Blaudruck nicht für alles. Eine Landschaft schaut in blau jetzt nicht wirklich schön aus. Aber man kann mit ein wenig bleiche und Tee oder Kaffee die Cyanotypie braun/schwarz färben. Das kommt aber in einem extra Beitrag. Vielleicht mache ich mal ein Video von dem Vorgang, denn der Reiz liegt im belichten und auswaschen.

Author Bio

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